Das Wichtigste in Kürze
- Die Luftfeuchtigkeit im Büro sinkt im Winter fast zwangsläufig: Kalte Außenluft enthält wenig Wasser, und wenn sie auf Raumtemperatur erwärmt wird, fällt ihre relative Feuchte stark (Rechenbeispiel unten).
- Die Arbeitsstättenregel ASR A3.6 nennt nur Obergrenzen – zum Beispiel höchstens 70 % relative Feuchte bei 22 °C – und hält fest, dass die Raumluft üblicherweise nicht befeuchtet werden muss [1].
- Einen unteren Richtwert für die Luftfeuchtigkeit am Arbeitsplatz gibt es nicht. Eine Literaturstudie von BAuA und IFA kommt zu dem Schluss, dass trockene Luft allein im Allgemeinen nicht zu gesundheitlichen Problemen führt [3][4].
- Klagen über „trockene Luft“ haben oft andere Ursachen: zu hohe Temperatur, Staub, Zugluft oder Stoffe aus Einrichtung und Geräten [2]. Deshalb gehören sie in die Gefährdungsbeurteilung – mit Messwerten statt Vermutungen.
- Ein Luftbefeuchter im Büro kann bei sprechintensiver Arbeit sinnvoll sein, muss aber hygienisch einwandfrei betrieben werden [2][5]. Wer zuerst über Wochen misst, weiß, ob und wo er nötig ist.
Das Problem: Warum das Büro im Winter „trocken“ wirkt
Im Herbst beginnt in vielen Büros dieselbe Diskussion. Die Augen brennen, die Haut spannt, jemand stellt eine Wasserschale auf die Heizung, und irgendwann steht die Frage im Raum: Ist die Luft hier zu trocken – und muss der Arbeitgeber etwas tun?
Hinter der Frage steckt ein echtes Phänomen. Die relative Luftfeuchte in beheizten Räumen ist im Winter deutlich niedriger als im Sommer. Ob das ein Problem ist, hängt aber weniger an einer einzelnen Zahl auf dem Hygrometer als an der Kombination aus Temperatur, Luftbewegung, Staub und Lüftung. Für Facility Management, Arbeitsschutz und Geschäftsführung heißt das: Erst verstehen, dann messen, dann handeln.
Die Ursache: Warme Luft kann mehr Wasser aufnehmen
Die relative Luftfeuchte gibt an, wie viel Prozent der maximal möglichen Wassermenge die Luft gerade enthält. Wie viel Wasser Luft aufnehmen kann, hängt stark von der Temperatur ab. Die DGUV erklärt es so: Warme Luft kann deutlich mehr Feuchtigkeit aufnehmen als kalte. Wird kalte Außenluft im Winter erwärmt, sinkt deshalb ihre relative Feuchte, wenn nicht nachgefeuchtet wird [2].
Rechenbeispiel (eigene Berechnung mit der Magnus-Formel; Annahmen: Außenluft mit 80 % relativer Feuchte wird ohne zusätzliche Feuchtequellen auf 21 °C erwärmt):
| Außentemperatur | Relative Feuchte außen | Relative Feuchte nach Erwärmung auf 21 °C |
|---|---|---|
| 10 °C | 80 % | etwa 40 % |
| 5 °C | 80 % | etwa 28 % |
| 0 °C | 80 % | etwa 20 % |
| −5 °C | 80 % | etwa 14 % |
In der Praxis liegt die Raumluftfeuchte meist etwas höher, weil Menschen, Pflanzen und Kaffeemaschinen Feuchtigkeit abgeben. Die Richtung bleibt aber dieselbe: Je kälter es draußen ist und je mehr Außenluft hereinkommt, desto trockener wird die Luft im Büro. Genau hier entsteht ein Zielkonflikt. Für gute Luftqualität braucht ein Büro ausreichend Außenluft – CO₂ über 1.000 ppm gilt als Zeichen für zu wenig Lüftung [1]. Jede Lüftung im Winter senkt aber die Feuchte.
Was gilt am Arbeitsplatz?
Obergrenzen nach ASR A3.6
Die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A3.6 „Lüftung“ nennt Höchstwerte für die relative Luftfeuchte, die aus physiologischen Gründen nicht überschritten werden dürfen, wenn bei der Arbeit Feuchtelasten entstehen [1]:
| Lufttemperatur | Höchstwert relative Luftfeuchte |
|---|---|
| 20 °C | 80 % |
| 22 °C | 70 % |
| 24 °C | 62 % |
| 26 °C | 55 % |
Zur Befeuchtung sagt die ASR A3.6 ausdrücklich: „Üblicherweise braucht die Raumluft nicht befeuchtet zu werden.“ Gehen Beschwerden ein, ist das in der Gefährdungsbeurteilung zu prüfen [1].
Kein unterer Richtwert
Einen Mindestwert für die Luftfeuchtigkeit am Arbeitsplatz gibt es nicht. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) die Literatur von 2006 bis 2019 ausgewertet – zehn Übersichtsarbeiten und 27 Labor-, Feld- und weitere Studien. Ergebnis: Bei niedriger Luftfeuchte wurden einzelne Effekte beobachtet, etwa trockenere Haut und eine längere Aktivität von Influenzaviren. Für Augen und Atemwegsschleimhäute überwiegen oft andere Faktoren. Konkrete Maßnahmen wie eine Befeuchtung am Arbeitsplatz lassen sich daraus bisher nicht ableiten [3][4].
Raumlufttechnische Anlagen mit Befeuchtung werden häufig auf etwa 30 % relative Feuchte ausgelegt. Die DGUV nennt diesen Auslegungswert mit Verweis auf DIN EN 16798-1 und weist darauf hin, dass ab etwa diesem Wert auch elektrostatische Aufladungen abnehmen [2]. Das IFA hielt in einem früheren Projekt eine Untergrenze von 30 bis 40 % vor allem für sprechintensive Arbeit wie in Callcentern für sinnvoll, ohne dass sich dafür eine medizinisch begründete Grenze finden ließ [5].
Folgen und typische Fehler
Trockene Winterluft ist nach der Literaturstudie von BAuA und IFA meist kein medizinisches Problem, aber ein häufiger Grund für Unzufriedenheit. Teuer wird es, wenn falsch reagiert wird:
- Die falsche Ursache bekämpfen. Klagen über trockene Luft können ganz unterschiedliche Ursachen haben, so die DGUV: Temperatur, Luftgeschwindigkeit, Staub oder reizende Stoffe in der Luft, aber auch Ergonomie und Arbeitsorganisation [2]. Wer nur befeuchtet, löst das eigentliche Problem womöglich nicht.
- Zu warm heizen. Höhere Temperatur senkt die relative Feuchte weiter und verstärkt das Gefühl trockener Luft – bei höheren Heizkosten.
- Weniger lüften, um die Feuchte zu halten. Das hebt die Feuchte kaum, lässt aber CO₂ und andere Stoffe ansteigen. Die Luftqualität leidet [1].
- Improvisierte Befeuchtung. Wasserschalen oder feuchte Tücher auf Heizkörpern erhöhen die Feuchte kaum und können Bakterien und Schimmel fördern [2].
- Mobile Befeuchter ohne Pflege. Eine BAuA-Untersuchung aus dem Jahr 2000 fand, dass getestete mobile Geräte die Feuchte nur in Räumen bis etwa 40 m² wirksam anheben konnten und schwer zu reinigen waren [5].
- Nach einer Stichprobe entscheiden. Ein Hygrometer-Wert am Montagmorgen sagt wenig über die Woche, die Besprechungsräume oder die Ecke am Fenster.
Was gegen trockene Luft im Büro hilft
| Maßnahme | Wirkung | Grenzen |
|---|---|---|
| Raumtemperatur prüfen und nicht überheizen | Relative Feuchte sinkt weniger stark, das Raumklima wirkt angenehmer | Mindesttemperaturen der ASR A3.5 beachten |
| Lüften nach Bedarf statt „Fenster auf Kipp“ | Genug Außenluft für gute Luftqualität, ohne Räume unnötig auszukühlen und auszutrocknen | CO₂ und Feuchte zusammen im Blick behalten |
| Staub, Zugluft und Emissionen prüfen | Häufige Auslöser von Reizungen werden beseitigt | Ursachen müssen gesucht werden, nicht vermutet |
| Ausreichend trinken, Pausen, Einfluss auf das Raumklima | Von der DGUV als Maßnahmen genannt [2] | Ersetzt keine Prüfung der Ursachen |
| Luftbefeuchter (zentral oder mobil) | Hebt die Feuchte gezielt an | Nur hygienisch einwandfrei betrieben, nach Herstellerangaben und VDI 6022 Blatt 1 [2]; Höchstwerte der ASR A3.6 beachten |
Wann ein Luftbefeuchter im Büro sinnvoll ist
Ein Luftbefeuchter kann sinnvoll sein, wenn Messungen über längere Zeit sehr niedrige Werte zeigen, die übrigen Ursachen geprüft sind und die Arbeit sprechintensiv ist [5]. Die DGUV unterscheidet Dampfbefeuchter (empfohlen), Verdunster sowie Zerstäuber und Vernebler, die jeweils eigene Hygiene- und Wartungsanforderungen haben. Zentrale Anlagen sollten möglichst das DGUV-Prüfzeichen „Optimierte Luftbefeuchtung“ tragen [2]. Wichtig ist auch die Gegenrichtung: Zu viel Feuchte überschreitet schnell die Höchstwerte der ASR A3.6 und kann an kalten Oberflächen zu Kondensat und Schimmel führen [1][2].
Messen statt raten
Die relative Feuchte schwankt mit Außenwetter, Belegung, Lüftung und Heizung. Aussagekräftig ist deshalb eine Messung über mehrere Wochen in den betroffenen Räumen, zusammen mit Temperatur und CO₂. So lässt sich unterscheiden, ob die Luft tatsächlich sehr trocken ist, ob es nur an bestimmten Tagen passiert, oder ob eigentlich die Temperatur oder die Lüftung das Problem ist. Mehr zu den übrigen Größen der Raumluft lesen Sie im Leitfaden Luftqualität im Büro: CO₂, Feuchte und Feinstaub.
Wo Nebatic hilft
Nebatic misst Temperatur, Luftfeuchte und CO₂ dauerhaft und Raum für Raum; Nebatic Core und Nebatic AirSense erfassen zusätzlich Feinstaub und VOC. In der Plattform sehen Sie Verläufe je Raum über Tage und Wochen und können so prüfen, ob eine Klage über trockene Luft mit niedriger Feuchte, hoher Temperatur oder zu wenig Lüftung zusammenhängt. Die Messdaten helfen, Maßnahmen in der Gefährdungsbeurteilung zu begründen und ihre Wirkung zu prüfen. Mehr dazu unter Raumluftqualität messen lassen und Nebatic Geräte.
Risiken und Grenzen
- Keine medizinische Bewertung. Anhaltende Beschwerden an Augen, Haut oder Atemwegen gehören zu Ärztin oder Arzt bzw. zur Betriebsärztin oder zum Betriebsarzt. Vorerkrankungen wie trockene Augen oder Kontaktlinsen können eine Rolle spielen [2].
- Ein Messwert ersetzt keine Gefährdungsbeurteilung. Er liefert die Grundlage dafür.
- Lüftungsanlagen sind Sache von Fachleuten. Änderungen an Befeuchtung, Sollwerten oder Betriebszeiten gehören zu Planern und Fachbetrieben.
- Stand Oktober 2026. Allgemeine Information, keine Rechtsberatung.
Kurz beantwortet: Luftfeuchtigkeit im Büro
Wie hoch sollte die Luftfeuchtigkeit im Büro sein?
Einen vorgeschriebenen Idealwert gibt es nicht. Die ASR A3.6 nennt nur Höchstwerte, etwa 70 % bei 22 °C [1]. Einen unteren Richtwert gibt es nicht; Anlagen mit Befeuchtung werden häufig auf etwa 30 % ausgelegt [2].
Muss der Arbeitgeber die Luftfeuchtigkeit im Büro erhöhen?
Nach der ASR A3.6 muss die Raumluft üblicherweise nicht befeuchtet werden. Gehen Beschwerden ein, ist in der Gefährdungsbeurteilung zu prüfen, ob und welche Maßnahmen nötig sind [1][2]. Keine Rechtsberatung.
Warum ist die Luft im Büro im Winter so trocken?
Kalte Außenluft enthält wenig Wasser. Wird sie auf Raumtemperatur erwärmt, sinkt ihre relative Feuchte stark – bei 0 °C und 80 % außen auf etwa 20 % bei 21 °C, ohne Feuchtequellen im Raum (Rechenbeispiel).
Hilft ein Luftbefeuchter im Büro?
Er kann die Feuchte anheben, mobile Geräte allerdings nur in begrenzten Raumgrößen [5]. Er muss hygienisch einwandfrei betrieben werden, nach Herstellerangaben und VDI 6022 Blatt 1 [2]. Vorher sollten Temperatur, Staub und Lüftung geprüft werden.
Wie misst man die Luftfeuchtigkeit am Arbeitsplatz richtig?
Über mehrere Wochen in den betroffenen Räumen, in Arbeitshöhe und nicht direkt am Fenster oder Heizkörper, zusammen mit Temperatur und CO₂. Einzelne Stichproben führen leicht in die Irre.
Schadet trockene Luft im Büro?
Nach der Literaturstudie von BAuA und IFA führt trockene Luft allein im Allgemeinen nicht zu gesundheitlichen Problemen; beobachtet wurden etwa trockenere Haut und eine längere Aktivität von Influenzaviren bei niedriger Feuchte [3][4]. Bei anhaltenden Beschwerden ärztlichen Rat einholen.
Quellen
- Ausschuss für Arbeitsstätten / BAuA (2012, geändert 2018): ASR A3.6 Lüftung, Abschnitt 4 Luftqualität (inkl. Tabelle 2 Maximale relative Luftfeuchtigkeit), Textfassung BGN Branchenwissen. https://vorschriften.bgn-branchenwissen.de/daten/tr/asr_a3_6/4.htm
- DGUV (Ausgabe Dezember 2025): DGUV Information 215-520 Klima im Büro, Kapitel 2 Fragen zur Luftfeuchte. https://vorschriften.bgn-branchenwissen.de/daten/dguv/215_520/2.htm
- Bux, K.; von Hahn, N. (2020): „Trockene Luft“ – Literaturstudie zu den Auswirkungen auf die Gesundheit. BAuA, Dortmund. DOI 10.21934/baua:bericht20200624. https://www.baua.de/EN/Service/Publications/Report/Gd102
- Deutsches Ärzteblatt (15.07.2020): Luftfeuchtigkeit in Büro und Betrieb: Keine Idealwerte bekannt. https://www.aerzteblatt.de/themen/klima/luftfeuchtigkeit-in-buero-und-betrieb-keine-idealwerte-bekannt-23b1b9ca-a411-4049-a977-df9fe5a08e6e
- Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA): Projekt BGIA 3101 „Einsatz von mobilen Luftbefeuchtern in Bürobereichen“ (abgeschlossen 12/2007). https://dguv.de/ifa/forschung/projektverzeichnis/bgia_3101.jsp